Münchner Pinakothek kaufte Radziwills „Grodenstraße nach Varelerhafen“

Die Neuerwerbung des Landschaftsbildes „Grodenstraße nach Varelerhafen“ ist Anlass der aktuellen Ausstellung „Zwei Seiten eines Künstlers“, die noch bis zum 31.12.2019 in der Pinakothek der Moderne gezeigt wird. Anhand von nur fünf Gemälden werden die Kontinuitäten und Brüche im Werk und Leben von Franz Radziwill aufgezeigt.

Die titelgebende Attraktion ist eine doppelseitig bemalte Leinwand Radziwills, die erstmalig beidseitig sichtbar ausgestellt ist, um den Bruch von Radziwills expressionistischem Frühwerk zum magisch-realistischen Hauptwerk pointiert vor Augen zu führen. Das Frühwerk „Landschaft mit drei schwarzen Schemen“ von 1920/21 wurde bislang noch nie öffentlich ausgestellt. Die Darstellung befindet sich auf der Rückseite des bekannten neusachlichen Gemäldes „Gewittrige Landschaft“ von 1925.

Von einem Werk von Karl Schmidt-Rottluff bis zu Radziwills „Grodenstraße nach Varelerhafen“ aus dem Jahr 1938 spannt die Studio-Ausstellung einen Bogen vom expressionistischen Frühwerk zum Magischen Realismus.
Radziwills „Grodenstraße nach Varelerhafen“ wurde 2018 als erstes Werk des Künstlers von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen angekauft. Anlass war, dass die Sammlung Moderne Kunst um ein Landschaftsmotiv des Magischen Realismus erweitert werden sollte. Bisher konnte die Pinakothek von Franz Radziwill nur Leihgaben zeigen, nun endlich wurde ein Gemälde in die Sammlung aufgenommen, erzählt Oliver Kase, Referent der Pinakothek der Moderne. Die „Grodenstraße nach Varelerhafen“ ist ein hervorragendes Beispiel für Radziwills atmosphärische Landschaftsmalerei der 1920er- und 1930er-Jahre. Zugleich verdeutlicht die expressive Farbigkeit des Gemäldes die Anfänge des Künstlers im Hamburger „Brücke“-Umfeld. Das Werk besitzt noch einen weiteren Bezug zur Stadt München. Mit dem gelb-grünen Himmel lässt sich das Gemälde aus dem Jahr 1938 als Antwort auf die Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 lesen. Die Ablehnung moderner Kunst formulierte Hitler in seiner Eröffnungsrede mit der Äußerung, er habe „manche Arbeiten beobachtet, bei denen tatsächlich angenommen werden muss, dass gewissen Menschen das Auge die Dinge anders zeigt als sie sind, d.h. dass es wirklich Männer gibt, die die heutigen Gestalten unseres Volkes nur als verkommene Kretins sehen, die grundsätzlich Wiesen blau, Himmel grün, Wolken schwefelgelb usw. empfinden oder, wie sie vielleicht sagen, erleben. Ich will mich nicht in einen Streit darüber einlassen, ob diese Betreffenden das nun wirklich so sehen und empfinden oder nicht, sondern ich möchte im Namen des deutschen Volkes es nur verbieten, dass so bedauerliche Unglückliche, die ersichtlich am Sehvermögen leiden, die Ergebnisse ihrer Fehlbetrachtungen der Mitwelt mit Gewalt als Wirklichkeit aufzuschwätzen versuchen, oder ihr gar als Kunst vorsetzen wollen.“ Unter den 1937 ausgestellten Werken im Münchner Haus der Kunst befand sich auch ein Porträt Franz Radziwills, gemalt von seinem Kollegen Otto Dix. Arbeiten von Radziwill selbst wurden 1938 in der Berliner Femeausstellung „Entarte Kunst“ gezeigt. Während der Herrschaft des Nationalsozialismus sollte sein expressionistisches Frühwerk verheerende Folgen für den Künstler haben, der durch regionale Netzwerke der Kriegsmarine und Luftwaffe gleichzeitig Verkaufserfolge erzielte. In der von Richtungsstreits geprägten Kunstpolitik des Nationalsozialismus suchte der Künstler seinen persönlichen Weg zwischen Annäherung, Anerkennung, Rückzug und Kritik.