Ein letztes Mal in diesem Jahr lädt die Franz Radziwill Gesellschaft am kommenden Sonntag die Besucher zu einem Rundgang durch die aktuelle Ausstellung im Franz Radziwill Künstlerhaus ein.

Unter den über 40 Ölbildern, Aquarellen und Zeichnungen der Ausstellung, steht diesen Monat wieder ein Bild im besonderen Fokus:

Mit fast 50 cm Höhe zählt das Blatt „Frau mit Buch“ von 1924 zu den größeren Aquarellen, die Franz Radziwill gemalt hat. Trotzdem wirkt es wie eine intime Studie: Die junge Frau hatte sich zum Lesen in einem Korbsessel zurückgezogen und blickt nun verträumt von ihrem Buch auf. Radziwills Bild verrät uns nicht, wo genau sie sich befindet, wohin sie schaut oder was sie gelesen hat. Stattdessen stellt der Maler das Gefühl der Frau in den Mittelpunkt: Ihre Pose mit der aufgestützten Hand und dem gedankenverlorenen, sinnenden Blick in die Ferne gilt schon seit Albrecht Dürers Zeiten als Erkennungszeichen für Melancholie.

Je länger man das Bild betrachtet, desto mehr Details offenbaren sich aber. Die junge Frau, deren Gesicht wir genau von vorne sehen, trägt einen Ring am Finger. Womöglich handelt es sich bei diesem „Stimmungsbild“ also gleichzeitig um ein Porträt von Johanna Ingeborg, die Radziwill 1923 geheiratet hatte. Und ist im Hintergrund nicht eine Stadtsilhouette mit Kirchturm und die kleine Figur eines Mannes zu erahnen? Er scheint ihr zugewandt zu sein und sie aus der Ferne zu betrachten. Eine ähnliche Konstellation von sitzender Frau in weißem Gewand mit Buch und im Hintergrund einem Mann (nämlich: Radziwill selbst) zeigt sich auch in dem Gemälde „Frauenbildnis – Inge“ aus dem gleichen Jahr. Es ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Vielleicht hat Radziwill also im Aquarell eine Andeutung von sich selbst als Betrachter seiner Frau mitgemalt.

 

Termin: Sonntag, 4. Dezember 2022, 11.30 Uhr

Eintritt: 9 €

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!